Wohnungsnot hat weitreichende Auswirkungen: Immobilienmarkt stresst Generation Z

Sie trennen sich, ohne auszuziehen. Sie lieben sich, ohne zusammenzuziehen. Für viele junge Erwachsene in Deutschland entscheidet nicht mehr das Gefühl über den nächsten Beziehungsschritt, sondern der Wohnungsmarkt. Die angespannte Lage auf dem Mietmarkt verändert still und tiefgreifend, wie die Generation Z mit Nähe, Trennung und Zukunft umgeht. Mit Folgen weit über das Private hinaus.

Kiel, 29. Januar 2026 – Dennis B. aus Kiel lebt seit über einem Jahr mit seiner ehemaligen Partnerin in einer gemeinsamen Wohnung. Die Beziehung ist beendet, die Trennung emotional vollzogen. Räumlich jedoch bleibt sie aus. „Wir sind emotional getrennt aber finanziell gefangen“, sagt er. Seit acht Monaten sucht er vergeblich nach bezahlbarem Wohnraum. Hohe Mieten, geringe Verfügbarkeit und zuletzt auch der Verlust seines Arbeitsplatzes infolge eines Unternehmensabbaus lassen einen Auszug aktuell nicht zu.

Trennungen sind ein Wohnungsrisiko

Solche Konstellationen sind längst keine Ausnahme mehr. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Menschen heute länger in unglücklichen oder bereits beendeten Beziehungen verbleiben als noch vor zwanzig Jahren. Als zentraler Grund wird zunehmend die fehlende wirtschaftliche Alternative genannt. Trennung bedeutet nicht mehr nur emotionale Neuorientierung, sondern ein konkretes Wohnungsrisiko.

Auch stabile Partnerschaften geraten unter strukturellen Druck. Paul Franke aus Kiel-Wik ist seit rund zwei Jahren in einer festen Beziehung. Dennoch behält er bewusst seine eigene Wohnung. „Die Angst, meine Wohnung zu kündigen und im Ernstfall keinen neuen Wohnraum zu finden, belastet unsere Beziehung spürbar“, sagt er. Das Zusammenziehen wird nicht aus Unsicherheit gegenüber dem Partner verschoben, sondern aus Vorsicht gegenüber dem Wohnungsmarkt.

Moritz T. aus Kiel beschreibt eine ähnliche Situation. Er lebt in einer stabilen Beziehung, liebt seine Partnerin, entscheidet sich jedoch bewusst gegen die Aufgabe der eigenen Single-Wohnung. Die Sorge, nach einer Kündigung ohne Wohnraum dazustehen, sei regelmäßig Thema zwischen beiden. Nähe und Bindung seien vorhanden, doch der Markt setze enge Grenzen.

Beziehungsstatus: „Statt Freundschaft Plus - Fester Wohnsitz“

Diese individuellen Entscheidungen lassen sich auch statistisch einordnen. In Großstädten geben mehr als 40 Prozent der jungen Mieterpaare an, das Zusammenziehen aufzuschieben oder bewusst getrennte Wohnungen zu behalten, aus Angst vor späteren Wohnungsproblemen. Beziehungsschritte werden damit nicht primär emotional, sondern strukturell bewertet.

Ursächlich ist eine Wohnungsmarktlage, die sich seit Jahren zuspitzt. Die Zahl der Singlehaushalte steigt kontinuierlich, während sich die Nachfrage zunehmend auf urbane Räume konzentriert. Gleichzeitig bleibt der Neubau deutlich hinter dem Bedarf zurück. In vielen Großstädten liegt der Leerstand bei unter zwei Prozent, während der Markt bereits unterhalb von drei Prozent als angespannt gilt. Besonders knapp sind kleine und bezahlbare Wohnungen, genau jene, die für junge Erwachsene relevant wären.

Hinzu kommen steigende Eintrittskosten. Kautionen, Umzugskosten und doppelte Mietzahlungen stellen hohe finanzielle Hürden dar. Eine Trennung wird dadurch nicht nur emotional, sondern auch ökonomisch schwer kalkulierbar. Der Wohnungsmarkt greift damit direkt in private Lebensentscheidungen ein.

Vieles in Kauf nehmen aber nicht ohne Dach über dem Kopf

Auch das Verhalten der Mieterinnen und Mieter hat sich entsprechend verändert. Frédéric von Osten, Immobilienkaufmann und Wertgutachter aus Kiel, beobachtet seit Jahren eine deutlich sinkende Umzugsbereitschaft. Bei rund 125 von seinem Unternehmen betreuten Mieteinheiten wurden im Jahr 2025 lediglich neun Kündigungen verzeichnet. Ein Wert, der deutlich unter früheren Jahren liegt. Wohnungen werden zunehmend gehalten, selbst wenn sich Lebensumstände verändern. Trennungen führen immer seltener zu einem sofortigen Auszug. „Menschen halten an ihren Wohnungen fest, selbst wenn sich ihre Lebenssituation verändert“, sagt von Osten.

Stattdessen sichern viele Menschen ihre Wohnsituation strategisch ab. Wohnungen werden nicht aufgegeben, sondern zeitweise untervermietet oder bewusst gehalten, um im Notfall eine Rückkehroption zu haben. Diese Strategien sind weniger Ausdruck von Unverbindlichkeit als Reaktion auf einen Markt, der wenig Spielraum lässt.

Generation Z im Wohnungsstress

Besonders betroffen ist die Generation zwischen Anfang 20 und Mitte 30. In dieser Lebensphase werden üblicherweise Haushalte zusammengelegt, Beziehungen vertieft oder aufgelöst und langfristige Lebensentscheidungen getroffen. Gleichzeitig fehlen häufig finanzielle Rücklagen, während der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum extrem eingeschränkt ist. Das Resultat sind aufgeschobene Trennungen, verzögerte Zusammenzüge und Beziehungen, die nicht entlang emotionaler Bedürfnisse, sondern entlang struktureller Zwänge organisiert werden.

Die Wohnungsnot wirkt damit wie ein unsichtbarer, aber permanenter Einflussfaktor auf Partnerschaften. Paare bleiben zusammen, obwohl sie sich emotional längst getrennt haben. Andere bleiben räumlich getrennt, obwohl sie sich binden möchten. Nähe und Distanz entstehen nicht mehr allein aus persönlichen Entscheidungen, sondern aus Marktbedingungen.

Ob sich diese Entwicklung langfristig wieder einpendelt oder dauerhaft neue Beziehungsmodelle hervorbringt, ist offen. Klar ist jedoch: Solange bezahlbarer Wohnraum fehlt, beeinflusst er nicht nur Wohnbiografien, sondern auch Partnerschaften, Trennungen und die Lebensplanung einer ganzen Generation.